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Der Tanz der Derwische

5.5.2019 8:32 Uhr

Türkeiurlauber verstehen die tanzenden Derwische meist als eine Art Attraktion. Dass der Tanz, Sema genannt, eine geistige Zeremonie ist und eine seit Jahrhunderten bestehende Choreografie hat, wissen viele nicht.

Als Zuschauer fragt man sich, wie die Derwische es schaffen, sich knapp eine Stunde lang nach links im Kreis zu drehen – die rechte Hand in Richtung Himmel, die linke zum Boden zeigend – ohne das Gleichgewicht zu verlieren, ohne zu stolpern oder zu taumeln. Angeblich ist es der leicht nach rechts geneigte Kopf, der diese beständige Drehung möglich macht.

Mystik des Islams

Die Derwische gehören dem Mevlevi-Orden an und sind Anhänger des Sufismus, der für die Mystik des Islams steht. Nicht nur äußerlich soll der Koran verstanden werden, sondern auch innerlich, wodurch die Hingabe an Gott vollständig erfüllt werden kann. Als Begründer des Ordens gilt der islamische Mystiker Rumi, der als einer der bedeutendsten persischen Dichter des Mittelalters im 13. Jahrhundert gelebt hat.

  • (<label>Bild: imago images / Xinhua</label>)

Mit dem Fall des Osmanischen Reiches wurde der Mevlevi-Orden als illegal erklärt. Die Mevlevihanes (Häuser der Mevlevis) wurden geschlossen, in Moscheen umgewandelt oder zu Museen gemacht. Ab 1953 waren die öffentlichen Zeremonie-Tänze der Derwische wieder erlaubt. Seither ziehen sie Touristen aus aller Welt an. Zwei der bedeutendsten noch bestehenden Mevlevihanes gibt es in Konya, wo der Orden gegründet wurde, sowie in Istanbul. Besonders stimmungsvoll ist die allabendlich dargebotene Aufführung in der Karawanserei Sarihan. Diese befindet sich einige Kilometer östlich von Avanos in Kappadokien.

Ein Tanz mit Bedeutung

Die Sema ist sehr symbolträchtig. So ist das auf dem Boden liegende rotgefärbte Schafsfell, vor dem sich die Tänzer zu Beginn der Zeremonie tief verbeugen, der symbolische Platz von Rumi, der den Mittelpunkt der Welt darstellt. Der schwarze Umhang, den jeder Tänzer anfangs trägt und während des Tanzens ablegt, steht für das irdische Leben, das weiße darunter getragene Gewand für das Leichengewand des Egos. Der hohe Filzhut wird gleichgesetzt mit dem eigenen Grabstein. Die zum Himmel zeigende Hand repräsentiert die Bereitschaft, Gottes Botschaft zu empfangen. Die rechte Hand, die zum Boden zeigt, leitet diese Botschaft an die Erde und auch an die Zuschauer des Tanzes weiter. Mit der Drehung nach links, in Richtung des Herzens und um das eigene Herz herum, umarmt jeder Derwisch die Menschlichkeit mit Liebe – schließlich wurden nach der Überzeugung des Sufismus alle Menschen mit Liebe geschaffen und haben den Auftrag zu lieben.

Die Offenheit der Lehre Rumis hat bewirkt, dass der Mevlevi-Orden nicht allein in der islamischen Welt vertreten ist. Alle sind damit angesprochen: Muslime, Christen, Anders- oder Ungläubige.

(jk)

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