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Der neue Lars von Trier: "The House that Jack built"

23.11.2018 10:09 Uhr

Der dänische Regisseur Lars von Trier ist für seine Provokationen bekannt. Meist sind es psychologische Torturen, oft aber auch brutale Gewaltexzesse, mit denen er sein Publikum herausfordert. 2011 sorgte er dann auch jenseits der Leinwand für Schlagzeilen, als das Filmfestival Cannes ihn nach Nazi-Äußerungen zur Persona non grata erklärte.

Im Mai diesen Jahres aber war die Verbannung vorbei und der 62-Jährige durfte bei den Festspielen mit seinem neuen Werk "The house that Jack built" die Weltpremiere feiern. Tatsächlich wurde der Provokateur der europäischen Filmszene dort mit minutenlangen Standing Ovations bejubelt - aber der Thriller entsetzte viele Zuschauer auch so sehr, dass sie vorzeitig aus dem Saal flohen.

Die Hauptrolle hat dieses Mal Matt Dillon übernommen. Der US-Amerikaner ("Verrückt nach Mary", "L.A. Crash") spielt Jack, einen auf den ersten Blick eher langweiligen Durchschnittstypen mit farbloser Brille und beigem Trenchcoat. In ihm steckt allerdings ein Serienmörder, wie man schnell erfährt: Als erste muss Uma Thurman dran glauben. Sie hat auf einer Landstraße eine Panne und überredet Jack, sie mit zur nächsten Werkstatt mitzunehmen. Sie plappert ununterbrochen auf den schweigenden Mann ein - bis der ihr dann den Kopf einschlägt.

Der Mord wird bizarrerweise nie bemerkt und so beginnt Jacks Leben als Killer. Immer wieder schleppt er Leichen auf die Ladefläche seines Kleintransporters und denkt sich immer neue Wege des Tötens aus. Doch so blutig das klingt (und teilweise auch ist): Lars von Trier erzählt das Grauen überraschend unterhaltsam und vor allem mit jeder Menge Humor. So leidet Jack - der von Dillon überzeugend dargestellt wird - unter Ordnungs- und Putzzwang, was als Serienmörder nicht gerade hilfreich ist: In einer extrem grotesken Sequenz kehrt er immer wieder an den Tatort zurück, um wirklich jeden Blutstropfen wegzuputzen und dann mehrfach zu prüfen, ob er auch tatsächlich alles in bester Ordnung hinterlassen hat.

Lars von Trier bettet seine Story dabei in einen übergeordneten Kontext ein, wie man es bereits aus seinen früheren Filmen wie "Dogville" oder "Melancholia" kennt. Der Schwerpunkt sind dabei Gedanken und Zwiegespräche, die aus dem Off eingeblendet werden. Es geht um Kunst, Macht, Architektur, Familie und Moral. Als begleitende Instanz kommt dabei Bruno Ganz ins Spiel, der Jack später in die Hölle bringen wird.

Davor spitzen sich auf der Leinwand allerdings die Ereignisse noch weiter zu und Lars von Trier mutet seinem Publikum einiges zu. In einer Rückblende auf Jacks traurige Kindheit zeigt er erst, wie der Junge einem Entlein ein Bein abknipst, bevor der erwachsene Jack dann einen seiner brutalsten Morde begeht: Wie ein Jäger erschießt er von einem Hochstand aus zwei Kinder und zwingt die Mutter anschließend, ihre toten Söhne mit Kuchen zu füttern - diese Szenen sorgten in Cannes für Entsetzen. Wahrscheinlich sind sie auch der Grund dafür, dass der Film bei uns erst ab 18 Jahren freigegeben ist.

Tatsächlich ist das Geschehen nicht immer gut zu ertragen und man fragt sich, wozu das wiederkehrende Morden gut sein soll. Regisseur von Trier lässt in der Metaebene zwar auch gesellschaftskritische Töne anklingen, gerade was die (Macht-)Verhältnisse zwischen Männern und Frauen betrifft. Wirklich zufriedenstellende Antworten darauf oder Erklärungen für das Verhalten des sadistischen Psychopathen gibt er dabei aber nicht.

Dennoch kann man "The house that Jack built" auch als Einblick in von Triers geplagtes Innenleben interpretieren, beschäftigen ihn die hier angesprochenen Themen doch seit Jahren. Einen optimistischen Blick auf die Welt hatte der Däne ja noch nie - doch genau das machte seine Werke immer wieder so spannend und vielschichtig. "The house that Jack built" ist da nicht viel anders, sondern wird einen auch nach dem gruseligen und einprägsamen Finale noch länger beschäftigen.

(an/dpa)