Der Brexit und die Premier League

7.11.2018 20:43 Uhr

London (dpa) - Rund fünf Monate vor dem geplanten EU-Austritt Großbritanniens herrscht Unruhe im englischen Fußball - und Unklarheit, wie es nach dem 29. März 2019 weitergeht.

"Nach zweieinhalb Jahren weiß ich immer noch nicht, ob es gut oder schlecht wird", sagte Trainer Mauricio Pochettino vom Londoner Fußballclub Tottenham Hotspur. Die Folgen für die Premier League sind schwer abzusehen. Aber Pochettino und andere Verantwortliche befürchten, dass es nach dem Brexit schwieriger wird, Spieler aus dem Ausland zu verpflichten - vor allem, wenn sich Großbritannien und die EU nicht auf ein Abkommen einigen.

Damit könnte auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr geraten. Dabei läuft es schon in diesem Jahr in der Champions League nicht für alle Clubs wie gewünscht. Meister Manchester City, Man United und der FC Liverpool sind zwar in ihren Gruppen auf Achtelfinalkurs, gaben aber allesamt schon Punkte ab. Tottenham holte aus den ersten drei Partien sogar nur einen Zähler.

Derzeit kann jeder Fußballer aus einem EU-Land uneingeschränkt für jeden Premier-League-Club spielen. Für die Verpflichtung von Spielern, die aus Ländern außerhalb der Europäischen Union stammen, gelten hingegen strenge Auflagen. Für eine Arbeitserlaubnis braucht der Spieler die Zustimmung des nationalen Fußballverbands FA.

Voraussetzung für diese Arbeitserlaubnis ist, dass der Profi - vereinfacht gesagt - ein etablierter Nationalspieler ist. Die FA orientiert sich bezüglich der Einsatzzeiten an der FIFA-Rangliste der Nationalteams. Von einem Profi Venezuelas, das Platz 29 belegt, werden danach mehr Einsätze verlangt als von einem Spieler Brasiliens, das derzeit Dritter der FIFA-Weltrangliste ist.

Dieselben Regeln könnten in Zukunft für alle nicht-britischen Profis gelten - sehr zum Missfallen der Liga. Schon im vergangenen Jahr forderten die Clubbesitzer der Premier League nach einem gemeinsamen Treffen die britische Regierung auf, den Fußballwettbewerb vor drohendem Schaden zu bewahren. Es müsse nach dem Brexit Ausnahmen geben, damit Spitzenfußballer auch in Zukunft nach England wechseln.

"Es muss eine vernünftige Basis geben, auf der Weltklasse-Spieler in die Premier League kommen, aber nicht Legionäre, die junge englische Talente verdrängen", sagte FA-Präsident Greg Clarke im vergangenen Jahr. Clarke hofft, dass die englische Nationalmannschaft profitiert, wenn langfristig weniger mittelmäßige Spieler nach England kommen. An Ausnahmen scheint er wenig Interesse zu haben.

Finanziell schwächer gestellte Vereine wie etwa Huddersfield Town mit dem deutschen Trainer David Wagner müssten sich umstellen. Den Terriers war 2017 mit mehreren früheren deutschen Zweitliga-Profis der Aufstieg und im ersten Jahr Premier League der Klassenerhalt gelungen. Dass Leistungsträger wie Christopher Schindler oder Chris Löwe nach den in Zukunft drohenden Regelungen eine Arbeitserlaubnis bekommen hätten, darf bezweifelt werden.

Dasselbe gilt für einige der Spieler, die 2016 mit Leicester City die Meisterschaft feierten, darunter der heutige französische Weltmeister N´Golo Kanté, der mit dem FC Chelsea am Donnerstag in der Europa League bei BATE Borissow spielt.

"Das Ende der Bewegungsfreiheit macht es sehr viel schwieriger, talentierte Spieler zu holen", fürchtet Mike Garlick, Präsident des FC Burnley. "Es droht, die wachsende Ungleichheit in unserer höchsten Spielklasse noch zu verschlimmern." Burnley war bereits in der Qualifikationsrunde der Europa League gescheitert und hat derzeit auch in der Premier League zu kämpfen.

Laut Garlick sei es aufgrund der Verluste des britischen Pfunds gegenüber dem Euro, hervorgerufen durch die Brexit-Unsicherheit, schon jetzt schwerer geworden, Spieler zu verpflichten.

Nach einem Bericht der Zeitung "Manchester Evening News" sollen Profis beim englischen Fußball-Rekordmeister Manchester United sogar gefordert haben, ihr Gehalt in Euro statt in Pfund zu bekommen. Das Blatt spekuliert, die Personalkosten bei Man United, das am Mittwochabend bei Juventus Turin antritt, müssten seit dem Brexit-Votum gestiegen sein.

Trainer Jürgen Klopp vom letztjährigen Champions-League-Finalisten FC Liverpool hatte im Frühjahr im "Guardian" seine Hoffnung auf ein zweites Brexit-Referendum geäußert. "Lasst und das noch mal durchdenken", sagte er. Ähnlich klang das jetzt bei Pochettino. "Wenn die Politiker merken, dass es hart und schlecht für England wird, warum drehen wir nicht um?", sagte er. "Ansonsten ist es so, als würde man nicht bremsen, obwohl man kurz davor ist, einen Autounfall zu verursachen."