imago images/Oryk HEIST

Demokratieverdruss kein reines Ostproblem

4.10.2019 0:07 Uhr

Unzufriedenheit mit der Demokratie ist für den früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) kein reines Ostphänomen. "Demokratieverdruss ist nicht nur ein ostdeutsches Problem", sagte er "Zeit online".

"Es hat auch damit zu tun, dass man heute leben kann, ohne mit der Meinung Andersdenkender oder mit Fakten behelligt zu werden." Das sei eine dramatische Entwicklung. "In Ostdeutschland ist es selbst in Freundes- und Familienkreisen fast unmöglich, sich miteinander über die Wirklichkeit zu einigen. Das ist eine riesige kommunikative Herausforderung, die weit über Politik hinausgeht."

Diktaturerfahrung und Bevormundung

Die langjährige Diktaturerfahrung und Bevormundung während der Nazizeit und der DDR hätten bei den Ostdeutschen "eine Haltung erzeugt, alles von oben zu erwarten". "Wir Ostdeutschen mussten Demokratie unter schwierigsten Umständen erlernen. Es war ein dramatischer und schmerzlicher, ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Umbruch. Das muss man begreifen, um zu verstehen, warum die Demokratie bis heute im Osten mit Enttäuschungen behaftet ist."

Der Westen habe die wunderbare Chance gehabt, in einer Phase des ökonomischen Wiederaufstiegs das Ja zur Demokratie zu erlernen. "Die Parallelität von wirtschaftlichem Aufschwung und Demokratisierung hat es den Westdeutschen leichter gemacht."

(an/dpa)

0 Kommentare

Bitte geben Sie den Aktivierungscode ein, der an Ihre E-Mail-Adresse gesendet wurde.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.