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Corona-Krise als "göttliche Rache": Islamisten wittern ihre Chance

17.4.2020 10:32 Uhr

Für Al-Kaida steht der Grund für die Corona-Pandemie fest: "Unanständigkeit" und "moralischer Verfall" hätten die Seuche verursacht, heißt es in einem zweiseitigen Papier, das das Terrornetzwerk im März veröffentlicht hatte. Allahs tiefer Zorn richte sich gegen all jene, "die Grenzen überschreiten und sich gegen ihn stellen", lautet die These.

"Al Kaida hat sich immer als eine Elitebewegung verstanden, die es als ihren Auftrag betrachtet, die Gläubigen zum reinen Islam zu bringen", sagt der Dschihadismus-Experte Charles Lister vom Middle East Institute in Washington. Die Islamisten könnten die Pandemie nutzen, um diese Position zu stärken.

Völlig unterschiedliche Reaktionen

Die einzelnen Gruppierungen reagieren sehr unterschiedlich auf die Corona-Krise. Während die Verbände im Jemen, in Somalia oder auch in der Sahelzone schweigen, sprechen andere von einer Geißel, die Kombattanten wie Feinde gleichermaßen treffe.

Der syrische Zweig von Al Kaida, Hajat Tahrir al-Scham, empfahl in einem Schreiben nach Angaben der Organisation Tony Blair Institute for Global Change Hygienemaßnahmen. Gleichzeitig habe die Gruppe aber auch die enorme Aufmerksamkeit für die Corona-Krise kritisiert, obwohl die Zahl der Virus-Opfer deutlich geringer sei als die des syrischen Bürgerkriegs.

Paradox: Rebellen in Idlib als Krisen-Manager

In Syrien hat paradoxerweise ausgerechnet die Provinz Idlib, die letzte Bastion der Islamisten und Rebellen, am schnellsten auf die Pandemie reagiert. Das Gesundheitssystem ist vom Krieg zerstört. Aber die Rebellen hätten mithilfe der Weltgesundheitsorganisation "radikalere und schnellere Präventionsmaßnahmen ergriffen als das Regime Assads", teilte das Washington Institute mit und nannte Temperaturkontrollen an der Grenze zur Türkei und die Desinfektion von Moscheen und Schulen als Beispiele.

"Die Herausforderung für Hajat Tahrir al-Scham ist, sich Russland und der Türkei als legitime Regierungsmacht zu präsentieren", sagt Lister, selbst wenn die Islamisten nicht in der Lage seien, einen Corona-Ausbruch tatsächlich unter Kontrolle zu bringen.

Die Taliban in Afghanistan versuchen die Bevölkerung davon zu überzeugen, sie seien die besseren Seuchenbekämpfer. Die Regierung sehe in der Pandemie "nur eine Gelegenheit, ausländische Gelder zu veruntreuen", erklärte die radikalislamische Miliz. "Wir haben einen vollständigen Waffenstillstand vorgeschlagen, um Covid-19 zu bekämpfen", entgegnete Dschawed Faisal, der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates. Aber die Taliban hätten abgelehnt.

Schlägt der IS jetzt erst recht zu?

Die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group warnt, dass die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) die Corona-Krise für Anschläge nutzen könnte. In seinem wöchentlichen Rundschreiben habe der IS in Syrien seine Anhänger aufgefordert, die "Ungläubigen und Abtrünnigen anzugreifen und zu schwächen". "Der IS profitiert vermutlich, sobald Covid-19 seine Feinde schwächt", befürchtet die Organisation.

Die Pandemie beeinflusst auch die Sicherheitslage im Irak: Die Ausbildungsmission der internationalen Anti-IS-Koalition wurde unterbrochen, Ende März waren 2500 Ausbilder bereits abgereist oder standen kurz vor dem Abflug in die Heimat.

Terrorismus-Forscher: Risiko sehr gering

Für Europa und die USA sieht Jean-Charles Brisard vom Zentrum für Terrorismusanalyse (CAT) in Paris dennoch keine Gefahr für einen großen islamistischen Anschlag. "Es gibt Ausgangsbeschränkungen und Grenzkontrollen. Deshalb ist das Risiko derzeit sehr gering", sagt Brisard.

Aber das Virus hält einzelne nicht davon ab, zuzuschlagen. Das zeigt der mutmaßlich islamistisch motivierte Messerangriff Anfang April im Südosten Frankreichs, bei dem zwei Menschen getötet wurden.

(afp)

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