Hürriyet

BJK oder GS - Wer siegt im Istanbul-Derby?

26.10.2019 12:41 Uhr, von Chris Ehrhardt

Besiktas Istanbul gegen Galatasaray Istanbul – ein Match, in dem es früher um die Meisterschaft ging. Heute treffen sich hier zwei Klubs, die auf europäischer Ebene nichts gerissen haben und auch in der Süper Lig auf dem zwölften und sechsten Platz weit hinter den eigenen Ansprüchen liegen. Ist es nun an der Zeit, dass man Europa abhakt und sich im Kopf auf die eigene Liga konzentriert?

Unter der Woche haben beide Teams in den europäischen Wettbewerben Niederlagen kassiert. Dabei können die Löwen immerhin noch sagen, sie haben nur knapp gegen Real Madrid verloren, während sich die Schwarzen Adler den Portugiesen von Sporting Braga geschlagen geben mussten. In ihren Gruppen sieht es für beide Teams nicht berauschend aus, was den Verbleib im europäischen Geschäft angeht. Da kommt diese 123. Auflage des Stadt-Derbys zwischen beiden Klubs zur rechten Zeit, um bei den Fans Boden gutzumachen. Nur der Sieg zählt. Da hat Galatasaray statistisch die Nase vorne. 45 Partien konnten die Löwen gewinnen, 35 die Adler. In 42 Partien trennten sich die Kontrahenten mit einem Remis. Wobei die jüngste Statistik für die Adler spricht, die in keinem ihrer letzten vier Heimspiele gegen die Löwen mit einer Niederlage vom Feld gingen.

Auswärtsschwäche als Zünglein an der Waage?

Die Statistik von Galatasaray auf fremden Derby-Plätzen ist ernüchternd. Seit elf Derbys warten die Löwen auf einen Auswärtssieg. In sieben Partien musste man als Verlierer den Platz verlassen und viermal gab es ein Remis. Das spricht eigentlich statistisch die Sprache, dass es auch diesmal auf ein Remis hinauslaufen könnte – oder einen Heimsieg der Adler.

Und dieser Sieg wäre auch dringend notwendig, denn die Fans der Adler sind auf 180, was den Trainer Abdullah Avci angeht. Nach der Klatsche gegen Braga forderte sie lautstark einen Trainer-Rauswurf. Der Coach sagt jedoch, er will den Vertrag unter allen Umständen erfüllen. Nun kommt es am Ende auf das neue Präsidium an, das gerade einmal eine Woche im Amt und Ahmet Nur Cebi an der Vereinsspitze sieht. Wird er sich den eigenen Fans ewig widersetzen und weiter zuschauen, wie man als Traditionsverein im Tabellenkeller dümpelt? Das ist nur schwer vorstellbar. Doch auch bei Galatasaray ist Feuer unter dem Dach. Da werden die Probleme aber an Spielern wie Younes Belhanda festgezurrt und Trainer-Legende Fatih "Imperator" Terim ist noch sicher – noch.

Besiktas am Abgrund

Die alte Tradition, dass man Niederlagen einfach schönfärbt, funktioniert bei den Adlern nicht mehr. Natürlich hat das Team vom Dolmabahce Palast Verletzungspech, aber dass es bei einer Dreifach-Belastung aus Liga, Pokal und Europa League zu Verletzungen kommen kann und wird, das muss man als Trainer bei der Breitenplanung des Kaders einkalkulieren. Das ist sein Job, dafür bekommt er Geld. Und darum wird eine Derbyniederlage sicher ihre Strahlwirkung auf den eh schon angezählten Avci entfalten. Sollten die Löwen in Besiktas gewinnen, ist der Coach kaum noch zu halten. Zwei Siege aus elf Pflichtpartien sind für einen Klub wie BJK einfach zu wenig. Umbau des Teams hin, Umbau her. Acht Punkte Abstand auf die Tabellenspitze und das nach nur acht Spieltagen sind eine Bankrotterklärung.

Den Fans wird es nur schwer zu vermitteln sein, dass ihr Klub nicht mehr zu den Titelaspiranten zählt, sondern sich im Mittelfeld einsortieren wird oder gegen den Abstieg spielen muss. Da interessiert es auch nicht, dass man mit acht verletzten Spielern ein recht umfangreiches Lazarett zu beklagen hat. Darum wird Avci nachhaltig umbauen müssen und sein Team taktisch so einzustellen haben, dass sie Galatasaray die Stirn bieten können. Nur über die Defensivarbeit wird das kaum möglich sein. So könnte die Aufstellung von Besiktas aussehen:

Karius – Rebocho, Roco, Vida, Uysal – Elneny, Hutchinson – Erkin, Ljajic, Boyd – Yalcin

Auch Galatasaray ist in einer Formkrise

Der Motor der Löwen stottert und das nicht nur international. Radamel Falcao wurde wie ein Gott gefeiert, aber bisher war Fatih Terim wieder einmal – wie beim Mbaye Diagne – nicht in der Lage, einen Star ins Team zu integrieren. Wie auch, wenn er selbst der einzige Star sein soll. Aus den spielenden und spielerisch starken Löwen ist eine reine Kämpfertruppe geworden. Null an Taktik, keine Strategie. Beißen, rennen und hoffen. Das sah man gegen Sivasspor und auch gegen Real Madrid. Und gerade die liegt die Gefahr. Physisch sind die Spieler gegen die Königlichen in der Champions League sicher an ihre Leistungsgrenzen gegangen – gerade, weil sie alle nicht mehr jung und frisch sind. Reicht die Regenerationsphase aus, diese "älteren Herren" wieder zu reanimieren?

Auswärts sind die Löwen schwach, sehr schwach. Aus sechs Partien auf fremden Plätzen konnte das Team nur einen Sieg mit an den Bosporus nehmen. Und es gibt auch einen Grund dafür: Die eklatant schwache Offensive des Rekordmeisters. Dem Team fehlt der kreative Kopf und es mangelt an echten Chancen, die erspielt werden. Und wenn es zu Tormöglichkeiten kommt, werden die leichtfertig verdaddelt – in Amateur-Manier. Wer soll es also gegen die Adler richten und wie könnte das Team aussehen:

Muslera – Nagatomo, Marcao, Luyindama, Mariano – Nzonzi, Donk – Babel, Belhanda, Feghouli – Andone

Besiktas vs. Galatasaray – Wagen wir eine Prognose

Beide Teams gehen angeschlagen in die Partie, haben Niederlagen auf europäischem Parkett kassiert. Das kratzt an der Psyche. Für Besiktas geht es darum, unbedingt die drei Punkte zu holen, um sich vom Tabellenkeller etwas zu lösen und den Job von Coach Abdullah Avci noch eine gewisse Zeit zu sichern. Für die Adler geht es hier um die Wurst. Bei einer Derby-Pleite war es das wohl für den Trainer.

Galatasaray braucht den Sieg, um weiter den Anschluss nach oben zu halten. Aber am Ende könnten die Löwen wohl auch mit einem Remis leben und darauf hoffen, dass die Teams vor ihnen es auch vergurken – was in der Süper Lig nicht so unwahrscheinlich ist. Hoffnungen wird man wohl haben, dass Andone einen guten Tag hat und das Mittelfeld mal seinen Job tut.

Unter dem Strich riecht es förmlich nach einem Remis. Besiktas hat das große Lazarett als Problem und Galatasaray seine Auswärts- und Offensiv-Schwäche. Top-Voraussetzungen für eine Punkteteilung, von der die Löwen weit eher als die Adler profitieren würden.

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