Ausbildung in der Krise: Droht eine "Generation Corona"?

5.2.2021 11:07 Uhr

Friseur-Azubis lernen nur noch an Übungsköpfen, die Berufsschule lehrt über das Internet - Corona hat auch die Berufsausbildung hart getroffen.

Verbände und Gewerkschaften machen sich große Sorgen um die Zukunft der Jugendlichen und auch der Betriebe. "Wir müssen eine Generation Corona unter allen Umständen verhindern", sagte die zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, der Deutschen Presse-Agentur.

Wenn gegen die aktuelle Entwicklung in der Ausbildung nicht weiter konsequent etwas getan werde, habe das massive Auswirkungen, sagte sie: kurzfristig für die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz fänden, mittelfristig für die Unternehmen, denen schon bald die Fachkräfte fehlten. Und langfristig auf die Gesellschaft, "die sich vorwerfen muss, einer ganzen Generation eine Zukunftsperspektive versagt zu haben", sagte Benner.

Mehr Unterstützung für Auszubildenden gefordert

Viele Jugendliche hätten bereits jetzt gut die Hälfte ihrer Ausbildung im Ausnahmezustand gelernt, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack. Dazu gehört auch, dass Berufsschulen zeitweise auf Distanzunterricht umgestellt haben. "Auch hier werden viele Inhalte nicht oder nur unzureichend vermittelt", sagte Hannack.

Dem Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, zufolge gebe es keine Anzeichen dafür, dass Auszubildende schlechter qualifiziert würden. "In den meisten Betrieben kann unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsvorgaben weitergearbeitet und auch weiter ausgebildet werden." Ausbilder und Azubis, die von Kontaktbeschränkungen besonders betroffen seien, suchten nach pragmatischen Lösungen. "Da schalten sich beispielsweise Friseur-Ausbilder und Azubis über WhatsApp-Gruppen zusammen und tauschen sich über die Ergebnisse von Übungen an Übungsköpfen aus."

Wie der ZDH hat auch der DGB die Prüfungen der Jugendlichen im Blick. Einig sind sich beide Organisationen darin, dass die Auszubildenden mehr Unterstützung brauchen. Diese könne von den Kammern, aber auch mithilfe der Gewerkschaften und der Berufsschulen angeboten werden, so Hannack. Betriebe sollten etwa Freistellungen für zusätzliche Lerntage ermöglichen. "Es ist auch im Interesse der Unternehmen, wenn ihre Auszubildenden die Prüfungen gut bestehen", so Hannack.

Weniger Ausbildungstellen

Im vergangenen Jahr wurden laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) 57.600 Ausbildungsverträge weniger abgeschlossen als im Vorjahr. Das entspricht einem Minus von 11 Prozent. Dies ist nach Einschätzung des BIBB allerdings nicht nur auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen. Schon seit Jahren sinke demnach die Zahl der Schulabgänger und der Ausbildungseinsteiger.

Vor allem fehlende Berufsorientierung in Form von Praktika oder Ausbildungsmessen und die notwendigen Kontakteinschränkungen hätten dazu geführt, dass in der Pandemie weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden seien, sagte Handwerkspräsident Wollseifer.

Wie aus einer Antwort des Arbeitsministeriums auf eine Anfrage der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Linken, Sabine Zimmermann, hervorgeht, bildet nicht einmal jeder fünfte Betrieb in Deutschland aus. Das Ministerium stützt sich in seiner Antwort, die der dpa vorliegt, auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. "Es kann nicht sein, dass zunehmend Arbeitgeber über Fachkräftemangel klagen, gleichzeitig aber nur wenige Betriebe ausbilden", sagte die Linken-Politikerin.Trotz aller Schwierigkeiten werden in Deutschland auch 2021 noch mehr als 400.000 Auszubildende gesucht.


(infoline_rs)

0 Kommentare

Bitte geben Sie den Aktivierungscode ein, der an Ihre E-Mail-Adresse gesendet wurde.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.