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"Der Wille zum Bösen" - Schrecken, Trauma, Erinnerung

28.11.2018 11:06 Uhr

Eigentlich sind sie allesamt höchst bedauernswerte Verlierer, die Protagonisten in Dan Chaons Thriller "Der Wille zum Bösen". Die Stärke des US-Autors liegt daher auf dem subtilen Schrecken, dem Zerfall von Persönlichkeit, der zersplitterten Wahrnehmung, die neue Realitäten schafft.

Das wird ganz besonders deutlich an Dustin Tillman. Der Psychologe steht im Mittelpunkt des 600 Seiten Romans und hat eine besonders große Ladung Schicksalsschläge durch sein Leben zu tragen: Seine Eltern wurden ermordet, ebenso sein Onkel und seine Tante. Seine Frau ist gerade an Krebs gestorben, sein jüngerer Sohn driftet in die Heroinsucht ab, ohne dass es der Mittvierziger wirklich bemerkt.

Nun stellt sich heraus, dass sein Adoptivbruder Rusty, der 30 Jahre lang aufgrund von Tillmans Aussage für den Mord an den Eltern im Gefängnis saß, ein freier Mann ist. Anwälte des Innocence-Projekts konnten mit Hilfe einer DNA-Analyse seine Unschuld beweisen.

Doch welches Motiv hat Rusty, den Kontakt zu Dustins labilem, drogenabhängigem Sohn aufzunehmen? Warum hat Dustin den älteren Bruder beschuldigt? Hatte Rusty etwas mit dem Tod seiner früheren Pflegefamilie zu tun? Kann Dustin seinen Erinnerungen, seiner Wahrnehmung trauen?

Schon allein die Altlast der Vergangenheit, die komplizierte Familienstruktur und die Spannungen zwischen den Generationen würden schon ausreichen, die Buchseiten mit psychologischer Spannung zu füllen.

Doch Chaon bringt auch noch einen labilen Patienten Tillmans ins Spiel, der sich als beurlaubter Polizist vorstellt. Ein Mann, der sich in Hirngespinste von Verschwörungstheorien verfangen hat oder einer, der tatsächlich auf die Spur eines Serienmörders gestoßen ist? Zunächst gegen seinen Willen schließt sich Tillman den "Ermittlungen" an und verliert dabei immer mehr den Blick für die Realitäten der eigenen Familie.

Aus wechselnden Perspektiven beschreibt Chaon den Zerfall einer Familie wie auch den Zerfall von Persönlichkeiten. Denn Tillman weiß nicht länger, ob er seinen Erinnerungen noch trauen kann. Was ist wahre Erinnerung, wo war womöglich Manipulation im Spiel? Da passt es, dass dem zunehmend ratlosen Psychologen plötzlich die Worte fehlen, dass andere seine Sätze für ihn vollenden.

Auch in der Buchgestaltung wird dieses Auseinanderbrechen deutlich: Gleich mehrfach wird der Fließtext in Spalten aufgebrochen, in denen die Handlung gewissermaßen auf zwei oder drei Ebenen weiterläuft. Da driften die Erzählfäden ebenso auseinander wie die Persönlichkeiten, die auf der Jagd nach ihren inneren Dämonen der Frage ausgesetzt sind, ob auch sie womöglich Schuld tragen.

"Der Wille zum Bösen" ist eine komplizierte, schwierige Familiengeschichte voller Drama und Dunkelheit, in dem die Wahrheitssuche zu Verunsicherung und Zweifel führt - und für einige tödlich endet.

- Dan Chaon: Der Wille zum Bösen, Heyne, München, ca. 620 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-453-43916-0.

(BE/DPA)

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