​Warum der Fall Khashoggi Saudi-Arabien für immer verändern kann

21.12.2018 9:06 Uhr, von Andreas Neubrand

Geht ein Mann in eine Botschaft... Was beginnt, wie ein (schlechter) Witz, wurde am 2. Oktober tödlicher Ernst. An diesem Tag betrat der Journalist Jamal Khashoggi die saudi-arabische Botschaft in Istanbul, um Papierkram für seine bevorstehende Hochzeit zu unterzeichnen. Danach ward er nicht mehr gesehen.

Einige Tage später machte seine Verlobte sein Verschwinden öffentlich. Saudi-Arabien verneinte zunächst jede Beteiligung an seinem Verschwinden. Wenig später gab man zu, dass Khashoggi tot sei - gestorben bei einer Schlägerei in der Botschaft. Wochen später kam die ganze Wahrheit ans Licht.

Was den Fall Khashoggi so "bedeutend" macht

Jamal Khashoggi wurde ermordet und seine Leiche buchstäblich aufgelöst. Parallel dazu wurde bekannt, dass dies unter Beteiligung des Kronprinzen Mohammed bin Salman (kurz: MbS) erfolgte. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen und aus Saudi-Arabien einen international geächteten Paria. Doch Khashoggi ist nicht der erste Journalist, der ermordet wurde. Allein während der Regierung Putins starben dutzende von Journalisten - von Anna Politowskaya bis hin zu Denis Suwow im Jahr 2018. Was macht also den Fall Khashoggi so bedeutend, dass er das Potenzial hat, das Königreich Saud in seinen Grundfesten zu erschüttern?

Erstens, die Tat: Khashoggi wurde gefoltert, erdrosselt, verstümmelt und dann in Säure aufgelöst. Allein die Grausamkeit der Tat rief weltweites Entsetzen hervor. Unter Putin benutzen Agenten vergiftete Regenschirme oder eine Schusswaffe. Kurz gesagt: Putin entledigt sich seiner Feinde wie eine Figur aus einem Roman von John le Carré. Mohammed bin Salman eher wie der Serienkiller Jigsaw aus der Filmreihe "Saw".

Zweitens, der Ort: Botschaften sind gut be- und überwacht. Das Argument der Saudis, dass Khashoggi die Botschaft lebend verlassen hat, ist leicht zu widerlegen. Aber noch viel wichtiger ist der Symbolgehalt, den Botschaften für viele Menschen haben. Sie sind für viele Bürger eine Art "sicherer Hafen" oder gelten zumindest als "neutraler" Ort. Auch, wenn sie es im technischen Sinne nicht sind, so ist für viele das Signal des Tatorts alleine verheerend. Sagt es doch nichts anderes als: Vor uns bist du nirgends sicher.

Khashoggi unterstützte die Sahwa Bewegung

Drittens, die Person: Khashoggi stammte aus gutem Hause, mit besten Verbindungen ins Königshaus. Er studierte in den USA, war Chefredakteur diverser Zeitungen, interviewte Osama bin Laden und arbeitete zeitweise für Turki al-Faisal, den Chef des saudischen Geheimdienstes. Niemand also, dessen Kritik man leicht ignorieren kann. Khashoggi geriet immer weiter unter Druck und ging dann in die USA. Dort schrieb er unter anderem für den "New Yorker" und hatte eine Kolumne in der Washington Post. Schon seit den 1970er Jahren war er Mitglied der Muslimbrüder, die den Wahabismus in Saudi-Arabien bekämpfen. Vom amerikanischen Exil aus sprach sich Khashoggi für die Sahwa Bewegung aus. Sahwa ist ein Ableger der Muslimbrüder und kämpft für ein anderes Verhältnis von Staat und Religion. Ein direkter Angriff auf die Legitimität des saudischen Königshauses.

Viertens, die Umstände: Mohammed bin Salman war nicht der klassische Thronfolger. Er kam durch eine kleine, unblutige Revolte in seine Position, in der er zwar die Amtsgeschäfte führt, aber nicht herrscht. Dabei standen die Sterne für ihn nicht immer günstig. Als Verteidigungsminister hatte er den Krieg im Jemen zu verantworten, was seine gesamte Position irreparabel zu schwächen drohte. Doch MbS verließ den undankbaren Posten, ersetzte den damaligen Ölminister Ali Al-Naimi mittels einer Rochade. Bei dem folgenden Gipfeltreffen der OPEC ließ er eine gemeinsame Vereinbarung der OPEC+ platzen. Geeinigt hatte man sich auf einen Stopp der Ölproduktion, doch Riad flutete den Markt mit mehreren Millionen Barrels. Ein Affront für den Gegenpart Iran. In den Medien galt er damit allerdings als eine Art Volksheld. Es liegt auf der Hand, dass dieser - gerade für Saudi-Arabien - ungewöhnliche Lebenslauf (und sein junges Alter) viele Neider und Feinde auf den Plan ruft.

MbS als Saudi-Visionär

Fünftens, der Zeitpunkt: MbS war einer der ersten, der sich die Entwicklung des Ölpreises ansah und feststellte, dass früher oder später die Party vorbei ist. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald - und dann bis an den Rest der Tage von Saudi-Arabien. Für MbS bedeutet dies, jetzt dagegen zu steuern, solange das Öl noch gewinnbringend sprudelte. Er entwickelte einen Plan: Saudi Vision 2030. Dieser ehrgeizige Plan sieht vor, die Wirtschaft und die Gesellschaft von Grund auf zu modernisieren. Dabei sollte das Land offen für neue Industriezweige werden, was die Kooperation mit ausländischen Firmen und Experten bedeuten müsste. Ebenfalls geplant ist der Aufbau einer Tourismusindustrie - Saudi-Arabien richtet einmal im Jahr die Haddsch aus. Die Pilgerfahrt der Muslime zu den heiligen Stätten Mekka und Medina. Doch obwohl dies Millionen von Muslimen anzieht, ist es für Saudi-Arabien ein Verlustgeschäft, da das Land die komplette Infrastruktur bereitstellen muss. Im Gegenzug kommen die meisten Muslime aus einkommensschwachen Ländern und lassen wenig Geld bei saudischen Händlern, Hotels und Restaurants. Ebenfalls geplant ist eine moderne, eigene Verteidigungsindustrie.

Schon vor dem Mord an Khashoggi waren die Pläne mehr als ambitioniert. Saudi-Arabien gilt selbst in der arabischen Welt als verschlossen, fremdenfeindlich und introvertiert. Um internationale Firmen anzuziehen, braucht das Land neben Infrastruktur und wirtschaftsfreundlichen Gesetzen ein Klima des Vertrauens. Dieses Vertrauen starb mit Jamal Khashoggi. Gut betuchte Touristen werden kaum in ein Land strömen, dem die Unverletzlichkeit einer Botschaft nichts gilt. Internationale Firmen werden ihre besten Leute nicht in ein Land schicken, das Regimegegner in Säure auflösen lässt. Saudi Vision 2030 liest sich gut auf dem Papier, aber die Umsetzung geht gegen Null.

Innerlich zerrissenes Land Saudi-Arabien

Doch das ist nicht das einzige Problem, das damit verbunden ist. Die Jugend in Saudi-Arabien hat schon seit Jahren via Internet einen Draht zu der Welt. Die Welt jedoch nicht zwingend einen Draht zu Saudi-Arabien. Sie sehen Bewegung und Dynamik überall und Stillstand daheim. 2009 eröffnete die King Abdullah University of Science and Technology und das mit einem Campus, auf dem Männer und Frauen zusammenleben und gemeinsam studieren konnten. Der einfache Bürger war nicht Teil davon. Als 2010 der sogenannte Arabische Frühling über Nordafrika und den Nahen Osten hinwegfegte, war das Nachbarland Bahrain betroffen, nicht aber Saudi-Arabien. Beide Male half dem Königshaus Geld, um das Volk ruhigzustellen. Doch diese Zeiten näheren sich dem Ende. Auf der einen Seite geht das Geld ohne Öl und ohne neue Industrien aus und auf der anderen Seite wollen die Jugendlichen nicht mehr ruhiggestellt werden. Sie wollen alle Freiheiten, die im Westen normal sind.

Das Land ist intern zerrissen. Der Kitt, der es jahrzehntelang zusammengehalten hat - eine Mischung aus Wahabismus, Geld und Stammesloyalität - schwindet von Tag zu Tag. Das Verhalten von MbS vor dem Mord an Khashoggi ist ein gutes Beispiel: Er erlaubt Frauen das Fahren von Autos und steckt kurze Zeit später dutzende Feministinnen ins Gefängnis.

Der Tod Khashoggis hat die Wunden offengelegt. Außerdem hat er die Auswege erschwert, wenn nicht sogar vollständig versperrt. Khashoggi wollte das Land verändern. Es ist tragisch, dass er dies nicht mit seiner Tinte vermochte, sondern mit seinem Blut.

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