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​Stealthing – ein gefährlicher und strafbarer Trend

20.12.2018 13:18 Uhr, von Chris Ehrhardt

In den letzten Tagen erhält der Begriff Stealthing in Deutschland mehr an medialer Aufmerksamkeit. In Berlin am Amtsgericht wurde eine Tat verhandelt, bei der es sich um Stealthing – dem heimlichen Abziehen des Kondoms beim Geschlechtsverkehr – dreht. Acht Monate Haft zur Bewährung und eine Wiedergutmachung von 3.095,59 (3.000 Euro Schmerzensgeld plus Übernahme der Kosten für medizinische Tests) Euro wurden gegen den Stealthing-Täter, einen 37-jährigen Bundespolizisten, ausgesprochen. Zeit, dass man sich des Themas weitreichender annimmt. Doch was ist Stealthing eigentlich?

Unter Stealthing, das vom englischen Wort "Stealth", also "List oder Heimlichkeit" abgeleitet wird, versteht man das heimliche Abstreifen des Kondoms während des Sex. Opfer von Stealthing-Attacken sind Frauen wie auch homosexuelle Männer. Ziel des Stealthing-Täters ist es, dass die Ejakulation im Körper des Stealthing-Opfers stattfindet. Natürlich ist die Praxis mit erheblichen gesundheitlichen Risiken für die Opfer verbunden. Geschlechtskrankheiten, HIV-Infektionen oder ungewollte Schwangerschaft – die Bandbreite an (Gesundheits-)Risiken ist groß. Zudem geht es aber beim Stealthing um den Vertrauensverlust in den Geschlechtspartner.

Stealthing – sexueller Missbrauch oder nicht?

Wenn sich ein hetero- oder homosexuelles Paar darauf verständigt, dass der Sex geschützt stattzufinden hat, muss sich jede Seite darauf verlassen können. Das Stealthing aber dient dazu, dass dieses Grundvertrauen nachhaltig zerstört wird. Die Partnerin oder der Partner wird getäuscht. Wenn das Einverständnis zu geschütztem Sex vorlag, gilt das nicht für ungeschützten Sex. In England zum Beispiel gilt seit mehr als 15 Jahren die gesetzliche Lage, der sogenannte "Sexual Offences Act", dass jeder Geschlechtsverkehr einvernehmlich zu sein hat. Das inkludiert dabei auch das Tragen eines Kondoms. Wird das entfernt, ohne vorher Rücksprache zu halten, ist die vorherige Zustimmung zum Sex nichtig – es wird somit zu einer Vergewaltigung. Der ungeschützte Akt wurde durch "List" oder "Betrug" erzwungen.

Stealthing – wie geht es vonstatten?

Wer Stealthing betreibt, nutzt einen "unbeobachteten Moment", um das Kondom abzustreifen. Zum Beispiel wird ein Stellungswechsel dazu missbraucht, das Kondom unbemerkt zu entfernen. Moderne Kondome werden so produziert, dass weder der Träger, noch der Sexualpartner das Kondom "spüren". Darum erfährt die vom Stealthing betroffene Person oftmals erst durch die ungewollte Ejakulation im Körper, dass das Kondom fehlt. Das gilt besonders dann, wenn beim Sex stellungsbedingt der Sichtkontakt fehlt.

Im Berliner Fall hat das Amtsgericht-Tiergarten nach dem Strafgesetzbuch-Paragraphen 177 Absatz 1 geurteilt. Der besagt:

Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung - (1)Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Der Urteilsspruch fand im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft statt, die bei Verfahrenseröffnung noch eine Verurteilung wegen Vergewaltigung erreichen wollte, aber im Verfahrensverlauf davon abrückte.

Was löst Stealthing beim Opfer aus?

Opfer, die von Stealthing betroffen sind und offen darüber sprechen, gibt es bisher nicht in großer Zahl. Doch die Personen – männlich wie weiblich – berichten von einer enormen Tragweite, welche der Vertrauensbruch in psychischer Hinsicht verursacht. Da wäre darüber hinaus zunächst die Angst, durch den ungeschützten GV mit Geschlechtskrankheiten infiziert worden zu sein. Die bleibt auch bestehen, bis alle Testergebnisse im Ergebnis negativ verlaufen sind. Hinzu kommt bei weiblichen Opfern die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. All das sind Aspekte, die dem Stealthing-Täter entweder nicht gegenwärtig sind oder die er vorsätzlich in Kauf nimmt.

Stealthing ist, das zeigt das Urteil aus Berlin, eine Straftat. Diese Tat kann in der Spitze mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden. Gerade dann, wenn das Opfer eine Stealthing-Tat anzeigt und anzeigebegleitend bei der gynäkologischen Ambulanz vorstellig wird, um eine Ejakulation im Körper zweifelsfrei medizinisch festzustellen, kann es für Täter heikel werden. Stealthing ist, das sollte jedes Opfer und auch jeder Täter bedenken, kein Kavaliersdelikt.