Hürriyet

​ Der Schildkrötenstrand von Dalyan

22.2.2019 15:50 Uhr

Einer Engländerin Namens June Haimoff verdankt Dalyan, dass es keine weitere türkische Touristenburg wurde. Haimoff hatte sich abseits des Dorfes niedergelassen und fand heraus, dass der Strand, an dem sie lebte, die Brutstätte von Meeresschildkröten ist.


(Bild: imago/Nature Picture Library)

Aus geographischer Sicht hatte Dalyan schlechte Karten: Es liegt nicht an der Küste, hat keinen Anschluss ans Meer, war also eigentlich nicht attraktiv für Touristen, zumindest nicht für Badeurlauber. Aufgrund seiner reizvollen Umgebung, die von Pinienwäldern, Seen, Bergen und Baumwollfeldern charakterisiert ist, fiel es aber in den Fokus von Wandertouristen. Zudem gibt es lykische Felsengräber, die Überreste einer antiken Stadt und Thermalquellen. Kurzum sollte ein Hotel mit 2.000 Betten gebaut werden – wenn schon nicht am nicht vorhandenen Meer, dann doch halbwegs attraktiv in Wassernähe, am Strand hinter dem Flussdelta.

Engagement für einen Nationalpark

Mitte der Achtziger war June Haimoff, die man in Dalyan "Kaptan June" nennt, als Aussiedlerin mit einer Jacht über das Meer gekommen. Sie hatte sich eine Hütte am entlegenen Strand gebaut und lebte dort zurückgezogen. In einer Nacht beobachtete sie eine große Meeresschildkröte dabei, wie diese ihre Eier nacheinander in einem Loch verschwinden ließ. Es stellte sich heraus, dass diese Schildkröte eine Karettschildkröte war – diese werden bis zu 110 Kilo schwer, ihre Panzer messen bis zu 1,20 Meter, und sie sind vom Aussterben bedroht.

Das Dalyan-Delta (Bild: imago/Westend61)

Bei den Neuigkeiten vom geplanten Hotelbau wurde Haimoff aktiv: Sie sammelte Unterschriften, entwarf ein zwölfseitiges Konzept für einen Nationalpark, schickte es an den WWF und Greenpeace und setzte sich am Ende durch. Das Hotel wurde nicht gebaut. Dafür wurde Dalyan zum Naturschutzgebiet erklärt. Der Strand ist seither Nacht für Nacht Sperrzone. Während der Brutzeit von Mai bis September betreten ihn nach 20 Uhr lediglich Umweltschützer, um Baby-Schildkröten, die ihren Weg nicht finden, zum Wasser zu bringen.

Erholung abseits des Massentourismus

Ein Geheimnis blieb die Brutstätte der Meeresschildkröten natürlich nicht, und so kommen die Touristen seither doch nach Dalyan, nicht so zahlreich wie anderorts allerdings, denn es gibt nicht genügend Unterkünfte. In kleinen Hotels und Pensionen mit üppigen Gärten und Pools sind die Gäste untergebracht. Höher als zweistöckig darf hier nicht gebaut werden.

(Bild: imago/Westend61)

Um den Strand der Karettschildkröten zu sehen, kann man auf Bootstour gehen und sich durch das Schilflabyrinth von Flussdelta und Meerenge schippern lassen. Eine Meeresschildkröte sehen die wenigsten Urlauber, häufiger allerdings zeigen sich Süßwasserschildkröten. Die Flussfahrt bzw. -überquerung lohnt aber nicht nur wegen des Strandes, sondern auch wegen einer Besichtigung der antiken Hafenstadt Kaunos. Neben einem kleinen Theater gibt es hier die Überreste einer Kirche und einer spätrömischen Therme.

Weitere Highlights von Dalyan sind die schwefelhaltigen Thermalquellen, in deren Schlamm man baden kann, sowie die antiken Felsengräber auf der gegenüberliegenden Flussseite. Die aus der Lykischen Zeit stammenden Tempelportale stecken wie Setzkastenfiguren hoch über dem Fluss im Berg.

Lykische Felsengräber in Dalyan (Bild: Imago/Westend61)
(jk)