Quelle: AHK-Türkei

AHK Türkei: "Beschränkungen bei Geschäftsreisen fallen schwer ins Gewicht"

8.9.2020 10:00 Uhr

In Deutschland und der Türkei wird mit Spannung erwartet, welche Entscheidungen hinsichtlich der Corona-Quarantänebestimmungen seitens der Europäischen Union (EU) und dementsprechend auch Deutschland zum 1. Oktober fallen werden. Dazu hat Hürriyet.de mit Dr. Thilo Pahl, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (AHK Türkei) ein exklusives Interview geführt. Sicherlich wird es nach Einschätzung von Dr. Pahl gerade bei den Geschäftsreisen Erschwernisse geben, wenn das Worst-Case-Szenario eintritt. Insgesamt sieht die AHK Türkei aber die Handelsbeziehungen beider Länder so gefestigt und eingespielt, dass nichts in den Grundfesten erschüttert wird.

Hürriyet.de: Handelsministerin Pekcan hat am 2. September die Export-Import-Zahlen für August veröffentlicht. Bei den Exporten aus der Türkei war Deutschland Spitzenreiter mit 1,02 Mrd. Euro und bei den Importen in die Türkei auf Rang zwei mit 1,44 Mrd. Euro. Was befürchten Sie in dieser Hinsicht, wenn sich ab dem 1. Oktober der "Geschäftsreiseverkehr" zwischen der Türkei und Deutschland erschweren wird?

Dr. Thilo Pahl: "Geschäftsreisen sind wichtig für die Unternehmen. Virtuelle Treffen sind zwar inzwischen zur Normalität geworden. Sie können einige Geschäftsreisen ersetzen. Geht es aber um einen neuen Kunden und dessen Produkte, hat der persönliche Kontakt immer noch einen sehr hohen Stellenwert. Zudem gibt es Treffen, z.B. mit Notaren, bei denen ein persönliches Erscheinen zwingend ist. Die geplanten Beschränkungen bei den Geschäftsreisen fallen daher schwer ins Gewicht. Sie werden jedoch die gewachsenen Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Türkei nicht zum Einstürzen bringen. Neue Impulse für mehr Handel sind aber nicht zu erwarten."

Corona-Pandemie eine "nahezu beispiellose Herausforderung"

Hürriyet.de: Wird es, wenn Reiseerschwernisse greifen, nach Ihren Erfahrungswerten aus den ersten Monaten der Corona-Krise, erneute Einbrüche/Rückschritte im Handel zwischen Deutschland und der Türkei geben? Plant die AHK, das Bewusstsein in der Bundesregierung dafür zu schärfen, dass sich eine erneute Umstellung der Reise-Modalitäten möglicherweise kontraproduktiv in Bezug auf die Export/Import-Zahlen Deutschlands auswirken wird? Und wenn ja, auf welchem Weg soll/kann das erfolgen?

Dr. Thilo Pahl: "Die Corona-Pandemie ist eine nahezu beispielslose Herausforderung. Die Wirtschaft steht selbstverständlich hinter Maßnahmen, die zum Schutz der Gesundheit getroffen werden müssen. Die richtigen Maßnahmen auszuwählen, ist am Ende eine Entscheidung der Politik auf Basis vorliegender Fakten. Wir sehen uns in der Rolle, die Auswirkungen von Maßnahmen auf die Unternehmen klar zu benennen. Auch beraten wir gerne, wie Maßnahmen möglichst wirtschaftskonform umgesetzt werden können. Das werden wir bei unseren Gesprächen und Kontakten auch im Falle der geplanten Änderungen bei der Einreise nach Deutschland machen."

Stabilität in den deutsch-türkischen Handelsbeziehungen

Hürriyet.de: Ist Ihrer Meinung nach als Fallout der Änderungen ab Oktober von schlechteren Zahlen im Exportsegment in Deutschland Richtung Türkei mit Kurzarbeit oder gar Entlassungen auszugehen, wenn Türkeigeschäfte auf Grund der widrigen Reisebedingungen nicht realisiert werden?

Dr. Thilo Pahl: "Ich denke, dass es zu früh ist, über solche Auswirkungen zu spekulieren. Die Unternehmen in der Türkei und Deutschland haben sich schon sehr gut auf die neue Normalität eingestellt. Was digital stattfinden kann, wird auch gemacht. Es gibt gerade in den deutsch-türkischen Handelsbeziehungen eine gewisse Stabilität, die drastische Einbrüche verhindert. Das haben auch unsere Erfahrungen in der von Lockdowns geprägten Zeit in diesem Jahr gezeigt. Die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei waren in dieser Zeit vergleichsweise robust. Für neuen Schwung bei den Handelsbeziehungen wäre die Möglichkeit von Geschäftsreisen jedoch sehr hilfreich."

"Wer möchte schon an einem virtuellen Strand liegen?"

Hürriyet.de: Sind die Branchen so aufgestellt, dass man Widrigkeiten mittels Videokonferenzen möglicherweise vollflächig umgehen kann?

Dr. Thilo Pahl: "Die Unternehmen in Deutschland und in der Türkei haben sich sehr schnell auf die neue Realität eingestellt. Videokonferenzen sind der neue Alltag und können viele persönliche Treffen ersetzen. Gerade für die türkische Geschäftskultur ist jedoch der persönliche Kontakt und Gespräch mit einem neuen Kunden sehr wichtig. Man steht daher in den Startlöchern, wieder direkte Kontakte aufzunehmen. Solange es nicht geht, wird man sich wohl oder übel mit Videokonferenzen zufriedengeben müssen. Für manche Branche, wie den Tourismus, sind digitale Kommunikationsmittel keine Hilfe. Wer möchte schon an einem virtuellen Strand liegen statt an einem Strand mit echtem Sand und wärmender Sonne?"

Hürriyet.de: Kann die Videokonferenz bei Geschäftsanbahnungen – nicht bei seit Jahren bestehenden Geschäftskontakten – einen vollwertigen Ersatz für den physischen Kontakt im Gespräch von Angesicht zu Angesicht darstellen – Stichwort Aufbau von Trust auf beiden Seiten?

Dr. Thilo Pahl: "Vor allem bei ersten Kontakten sucht der Mensch doch nach dem persönlichen Kontakt, bei dem man den ganzen Körper und die Mimik sehen kann. Das Unterbewusstsein spielt eine große Rolle dabei, ob man seinem Gegenüber vertraut oder nicht. Videokonferenzen können dieses Erlebnis nicht eins zu eins ersetzen, aber im Vergleich zum Telefonat ist es doch ein erheblicher Fortschritt."

Unternehmer müssen irgendwann vor Ort sein können

Hürriyet.de: Erhoffen Sie sich von der Bundesregierung und dem Auswärtigen Amt im Fall der Türkeireisen eine "Lex Türkiye", dass man hier das etablierte System einfach als Ausnahmeregelung beibehält, wenn man es schon nicht auf andere "Risikoländer" übertragen möchte?

Dr. Thilo Pahl: "Aus Sicht der Wirtschaft sind Erleichterungen bei Geschäftsreisen Voraussetzung dafür, neue Geschäftspartner zu finden sowie zusätzliche Investitionen zu planen und umzusetzen. Hierzu müssen Unternehmer irgendwann vor Ort sein können. Nur so kann es nach den wirtschaftlichen Rückschlägen infolge der Corona-Pandemie wieder einen kräftigen Aufschwung geben. Das werden wir in unseren Gesprächen deutlich hervorheben. Die bestehende Regelung bietet einen guten Ausgleich zwischen Wirtschaftsinteressen und Schutz der Gesundheit. Aber am Ende ist es eine politische Abwägung und Entscheidung auf Basis der vorliegenden wissenschaftlichen Fakten. Dies gilt wie für alle Länder auch für die Türkei."

Wer ist Dr. Thilo Pahl? Dr. Thilo Pahl wurde in Remscheid im Bergischen Land geboren und ist Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (AHK Türkei). Er bekleidet seine gegenwärtige Position seit August 2018. Von 2012 bis 2018 war Dr. Thilo Pahl Geschäftsführer der Industrie und Handelskammer Berlin, zuständig für die berufliche Ausbildung. Er hat an der Universität Marburg Wirtschaftswissenschaften studiert und mit einer Arbeit über Umweltpolitik promoviert. Sein Forschungsinteresse liegt auf dem Gebiet der Wirtschaftsentwicklung durch berufliche Ausbildung. Dr. Pahl ist ein ausgezeichneter Kenner des Systems der Berufsausbildung in Deutschland (u.a. Prüfungsprozess, Beratung für ausbildungswillige Betriebe) und vertraut mit der politischen Diskussion zur Förderung der beruflichen Ausbildung.

(ce)

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