Hürriyet

"Türkei und Großbritannien sind die Buchstützen der EU"

11.1.2021 21:31 Uhr

Das Freihandelsabkommen (FTA) zwischen der Türkei und Großbritannien wird beiden Nationen helfen, die strategische Partnerschaft über das Thema Handel und Wirtschaft hinaus auszubauen, erklärte der britische Botschafter Sir Dominick Chicott in einem Gespräch mit Hürriyet Daily News.

Das Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern wurde am letzten Tag des Jahres 2020 unterzeichnet - unmittelbar nachdem Großbritannien die EU verlassen hat.

Die Türkei und Großbritannien haben ein wichtiges zollfreies Handelsabkommen unterzeichnet. Ich verstehe, dass die Gespräche über ein umfassendes Handelsabkommen zwischen den beiden Ländern fortgesetzt werden. Könnten Sie bitte näher erläutern, was wir unterzeichnet haben und was wir voraussichtlich unterzeichnen werden?

Wir haben ein Freihandelsabkommen unterzeichnet, das uns hilft, den Warenfluss zwischen der Türkei und Großbritannien weiterhin zu sichern. Dies war nötig, weil wir die EU verlassen haben und somit das Abkommen zwischen der EU und der Türkei für uns nicht mehr gilt. Als Vorbild für das Abkommen gilt die Regelung der Zollunion zwischen der EU und der Türkei. Wir haben uns an dem EU-Abkommen mit der Türkei über Kohle, Stahl und Landwirtschaft orientiert.

Handelsabkommen hilft Wettbewerbsfähigkeit beider Länder

Dieses Abkommen ist sehr wichtig, um die Handelsströme zwischen unseren beiden Ländern zu erhalten. Diese sind in den letzten Jahren gewachsen und erreichten einen Wert von fast 19 Milliarden Pfund. Ohne ein Abkommen hätten Exporteure auf beiden Seiten zusätzlich Zölle zahlen müssen. Dies hätte die Wettbewerbsfähigkeit beider Länder beeinträchtigt. Das Abkommen ist das Ergebnis umfangreicher Handelsgespräche zwischen türkischen und britischen Beamten und Minister über drei Jahre. Unsere Leistung ist vor allem der politischen Entschlossenheit sowohl in Großbritannien als auch in der Türkei zu verdanken, dafür zu sorgen, dass 2021 ein möglichst reibungsloser Übergang in unsere neuen Beziehungen möglich ist.

Welche Bereiche wird die 2. Phase des Freihandelsabkommen abdecken? Werden landwirtschaftliche Produkte und Dienstleistungen einbezogen?

Dieses Handelsabkommen ist in der Tat der erste Schritt – nennen wir ihn Phase 1. Das aktuelle Abkommen enthält eine Klausel, die eine Überprüfung innerhalb von zwei Jahren des Freihandelsabkommens vorsieht. Danach kann in der zweiten Phase das Abkommen ausgeweitet werden.

Alle wollen schnell zu Phase zwei

Die Überprüfung wird unter anderem den Handel mit landwirtschaftlichen Gütern, den Handel mit Dienstleistungen, Investitionen und die digitale Wirtschaft umfassen. Unternehmen auf beiden Seiten möchten dem Abkommen neue Bereiche hinzufügen und unseren bilateralen Handel weiterentwickeln. Der Wille so schnell wie möglich zu Phase 2 überzugehen ist gegeben.

Was sind angesichts all dieser Entwicklungen die kurz- und langfristigen Ziele in Bezug auf das Handelsvolumen?

Das kurzfristige Ziel war es, unseren derzeitigen Handel zu sichern. Aber der Anstieg unseres bilateralen Handels um 70 Prozent im letzten Jahrzehnt gibt uns einige Hinweise auf das Potenzial dieser Handelsbeziehungen. Wie wir während unserer Handelsgespräche in den letzten drei Jahren gesehen haben, wollen beide Seiten den Handel ausbauen. Dies soll helfen Arbeitsplätze und Wohlstand zu schaffen. Nach der Corona-Krise peilen wir ein Handelsvolumen von 21 Milliarden Pfund an. Das halte ich für realistisch.

Die türkischen Staatsangehörigen können nicht mehr vom Ankara-Abkommen profitieren. Ich glaube, dass sie einem neu eingeführten punktebasierten Einwanderungssystem unterliegen werden. Wie können sich türkische Staatsangehörige bewerben? Wie viele Türken haben davon profitiert und in Großbritannien ein Unternehmen gegründet?

Sie haben recht. Der Austritt Großbritanniens aus der EU bedeutet für EWR-Staatsangehörige das Ende der Freizügigkeit nach Großbritannien. Dementsprechend bedeutet dies für die Türkei das Ende des Weges des Assoziierungsabkommens der Europäischen Gemeinschaft (ECAA), auch als Ankara-Abkommen bekannt, nach Großbritannien.

Für Türken, die sich vor der Schließung der ECAA-Route beworben haben, wird sich nicht viel ändern. Sie können weiterhin als Arbeitnehmer oder Unternehmer nach Großbritannien reisen und eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis beantragen.

GB mit einem neuen und gerechteren Einwanderungssystem

Anstelle des ECAA hat Großbritannien ein globales, punktebasierenden Einwanderungssystem eingeführt. Ich finde das gerechter. Das neue System bewertet Bewerber, die in Großbritannien arbeiten möchten, anhand ihrer Qualifikationen und nicht anhand ihrer Nationalität. Qualifizierte Türken haben also die gleichen Chancen wie Deutsche oder Amerikaner.

Wie würden Sie die politische Bedeutung des Abkommens beschreiben? Wie wirkt es sich auf die geopolitische Partnerschaft aus?

Die Türkei ist der zweitgrößte Exportmarkt der Türkei und der Handel ist ein wichtiger Bestandteil unserer Beziehungen. Das Freihandelsabkommen ist also von enormer Bedeutung. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt, soll es vor allem Vertrauen und Verständnis für gemeinsame Ziele schaffen. Das große strategische Problem unserer Zeit ist die Beziehung zu China. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie abhängig wir von chinesischen Lieferketten sind. Großbritannien ist deshalb bemüht, seine Lieferketten zu diversifizieren. Dies eröffnet türkischen Unternehmen neuen Türen. Gerade im Verteidigungssektor können die beiden Nato-Partner enger kooperieren.

Neben der Covid-19-Pandemie ist der Klimawandel die größte Herausforderung der wir uns global stellen müssen. Beide Länder haben in den Biowissenschaften und Medizintechnik große Erfahrungen und können auch auf diesen Gebieten zusammenarbeiten. Trotzdem sollten wir nicht die klassischen Branchen wie Automobil, Hightech, Textilien oder Elektronik vergessen. Diese werden weiterhin der Grundpfeiler unserer wirtschaftlichen Zusammenarbeit sein.

Die Türkei und Großbritannien sind jetzt beide Nato-Staaten, die nicht Mitglieder der EU sind. Großbritannien hat die EU verlassen und die Türkei Probleme in ihrer Beziehung zur EU. Wie würden Sie die neue Ära charakterisieren?

Ich denke nicht, dass die beiden Fälle vergleichbar sind. Großbritannien hat die EU freiwillig verlassen, während die Türkei ein Kandidat für den Beitritt zur EU ist. Dies bedeutet, dass die Türkei ihre Beziehungen zur EU intensivieren wird.

Schwierige Nachbarschaft der Türkei

Trotzdem haben Großbritannien und die Türkei viel gemeinsam. Wir gehören zur gleichen geografischen Region. Wir sind quasi die Buchstützen der EU. Für beide Länder ist die EU der größte Handelspartner. Trotzdem blicken wir über Europa hinaus auf Regionen, zu denen wir eine historische Beziehung haben. Wir gehören beide zu wichtigen Clubs wie bspw. der Nato.

Dabei muss man sehen, dass Großbritannien eine Insel ist und die Türkei eine schwierige Nachbarschaft hat.

Welche Prioritäten hat Großbritannien nach dem Brexit?

Mit Blick auf die Türkei und die Region hat Zypern eine große Priorität für uns. Wir unterstützen die Bemühungen des UN-Generalsekretärs die Teilung der Insel in einer Weise zu lösen, die alle zufrieden stellt.

(an)

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