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​Terroranschlag von Nizza – was bisher bekannt ist

1.11.2020 11:51 Uhr

Frankreich wird erschüttert von mutmaßlich islamistisch motivierten Terrorattacken. Der Lehrer Samuel Paty wurde enthauptet, weil er den Schülerinnen und Schülern die Grundprinzipien von Meinungsfreiheit in ihren westlichen Heimatländern erklären wollte, um das Konfliktpotenzial runterzuschrauben. Viel ist bekannt – anders als bei der Terrorattacke in der Basilika Notre-Dame im Stadtzentrum von Nizza. Eine Bilanz zu der Tat.

Dringend tatverdächtig – schuldig ist man erst, wenn ein Urteil gesprochen wurde – ist der 21-jährige Tunesier Brahim Issaoui. Der 21-Jährige kam nach den Unterlagen, welche das Rote Kreuz bei Flüchtlingen anfertigt, am 20. September 2020 in Europa an – in Italien auf der Insel Lampedusa. Knapp drei Wochen später am 9. Oktober 2020 ging es für ihn weiter nach Bari, was auf dem europäischen Festland liegt. Von da an wird es etwas "konfus". Laut Aufzeichnungen wiesen ihn die Behörden in Italien an, er habe das Land mit einer Frist von sieben Tagen wieder zu verlassen. Wieso man ihn nicht festsetzte, ist nicht bekannt und wird sicherlich Gegenstand der Ermittlungen sein.

Mutmaßlicher Täter war den tunesischen Behörden kein Unbekannter

Von Italien aus machte er sich auf den Weg nach Frankreich, was ihm auch ohne Papiere gelungen zu sein scheint. Ob hier Schleuser involviert waren oder ob es Terror-Helfer gab, versuchen die französischen, tunesischen und italienischen Behörden derzeit zu ermitteln. In Frankreich selbst verhielt er sich bis zur Tat unauffällig, konsultierte die Behörden nicht, um einen Aufenthaltstitel zu erlangen oder Asyl zu beantragen, wie das Innenministerium des Landes bestätigt. Damit blieb er gezielt unter dem Behörden-Radar. Laut seinen Angehörigen in Tunesien kam er einen Tag und somit nur wenige Stunden vor dem Mord an drei Menschen in Nizza an.

Anteilnahme am Tatort - Bild: imago images / ZUMA Wire

Was ist über Brahim Issaoui bekannt? Für die Behörden in Tunesien soll der mutmaßliche Täter aus der Küstenstadt Sfax kein Unbekannter gewesen sein. Gewaltdelikte, Drogenhandel und sogar eine Haftstrafe als 16-Jähriger wegen einer Messerstecherei sollen in den tunesischen Akten stehen. Sein Umfeld will vor zwei Jahren eine Hinwendung zum Glauben bemerkt haben. Zudem soll er sich selbst isoliert und den Kontakt zu anderen Menschen weitgehend gemieden haben. Seinen Lebensunterhalt, so seine Familie gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, habe er mit der Reparatur von Zweirädern verdient. Der Weg nach Europa sei von ihm laut seiner Familie eingeschlagen worden, weil man da mehr Geld verdienen könne.

Unter "Allahu akbar"-Rufen die Polizei attackiert

Noch am Abend vor der Tat, so wird berichtet, trat der mutmaßliche islamistische Terrorist in Kontakt mit seiner Familie. Er soll auch Bilder von der Basilika Notre-Dame in Nizza versandt und gesagt haben, dass er vor dem Gotteshaus schlafen werde. Das tat er wohl dann auch – führte aber laut Staatsanwaltschaft ein 30 Zentimeter langes Messer mit einer Klingenlänge von 17 Zentimetern mit sich. Um 8.29 Uhr MEZ machte er sich mit dem Messer auf in die Kirche, die gerade erst geöffnet wurden, wo er nach Rekonstruktion des Falles zuerst den 55-jährigen Küster und Familienvater Vincent L. traf, den er mit Stichen in den Hals ermordet haben soll. Sein nächstes Opfer war eine 60-jährige Kirchgängerin, welcher er die Kehle durchtrennte und dabei so tief schnitt, dass quasi eine Enthauptung stattfand.

Trauer über den Tod des beliebten Küsters - Bild: imago images / ZUMA Wire

Sein letztes Opfer war die 44-jährige Brasilianerin Simone S., die Mutter von zwei Kinder war. Sie konnte noch mit schweren Stich- und Schnittverletzungen vom Tatort fliehen, wo sie dann kurz darauf den schweren Verletzungen, welche ihr der Täter beibrachte, erlag und verstarb. Zeugen hatten zwischenzeitlich die Polizei alarmiert, die auch nach staatsanwaltlichen Berichten zeitnah am Tatort eintraf. Dort fanden sie den blutverschmierten Tatverdächtigen vor, der seinerseits unter "Allahu akbar"-Rufen die Beamten attackierte. Schüsse mit einem Elektroschocker zeigten laut Polizei keine Wirkung und darum musste mit scharfer Munition auf den Terroristen gefeuert werden. Dabei wurde Brahim Issaoui am Bein und am Hals schwer verletzt und es bestand Lebensgefahr, als er nach einer medizinischen Erstversorgung am Tatort ins Krankenhaus gebracht wurde.

Auch Tunesien ermittelt und sucht nach Hintermännern

Bei den Ermittlungen und der Durchsuchung seiner Habseligkeiten wurden zwei weitere Messer, zwei Mobiltelefone und ein Koran gefunden. Nicht unbedingt das typische Reisegepäck bei einem Flüchtling, der in einem anderen Land arbeiten will, stellte die Staatsanwaltschaft fest. Wegen der Ersatzmesser gehen Polizei und Staatsanwaltschaft unisono davon aus, dass der islamistische Terrorist weitere Menschen töten wollte. Auch der Frage, ob es sich um einen "psychisch labilen Einzeltäter" handelt, versuchen Polizei und Staatsanwaltschaft nachzugehen. Im Zusammenhang mit diesen Ermittlungen sind zwischenzeitlich vier weitere Personen, mit denen Issaoui in Kontakt stand, festgenommen worden.

Große Anteilnahme in Nizza nach der Tat - Bild: imago images / ZUMA Wire

Bekennerschreiben der bekannten islamistischen Terrorgruppen, die eine Verantwortung für die Tat übernehmen, liegen bisher nicht vor. Neben den französischen Behörden haben wohl auch die offiziellen Stellen in Tunesien Ermittlungen zu dem Fall angestoßen. Das basiert auf einem Terrorgesetz, das dem Land erlaubt, gegen eigene Staatsbürger zu ermitteln, die im Ausland in terroristische Aktivitäten verstrickt sind. Auch Tunesien eruiert, ob es im Land Hintermänner der Tat geben könnte und Brahim Issaoui gezielt nach Europa geschickt wurde.

(ce)

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