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#MeToo-Anlaufstelle mit sehr guter Resonanz

26.12.2018 12:55 Uhr

Seit im Oktober 2017 die #MeToo-Debatte über Belästigung und sexuelle Gewalt ausbrach, hat sich einiges getan. Die Anlaufstelle "Themis" hilft Betroffenen, aber auch Arbeitgebern.

Die Besetzungscouch. Der Klaps auf den Po. Der brüllende Film-Macho am Set. Alles von gestern? Seit dem Start der #MeToo-Debatte im Oktober 2017 wird auch in Deutschland über Belästigung und sexuelle Gewalt diskutiert.

Seit Herbst dieses Jahres gibt es für die Betroffenen aus Film, Fernsehen und Theater eine zentrale Anlaufstelle in Berlin, die von 17 Brancheneinrichtungen ins Leben gerufen wurde und von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gefördert wird. Die Stelle heißt "Themis", nach der griechischen Göttin der Gerechtigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Täglich melden sich neue Betroffene

Die Resonanz ist laut dem Themis-Vorstand "sehr gut". Seit dem 1. Oktober melden sich dort demnach täglich neue Betroffene. "Das Schöne ist, dass sich nicht nur Betroffene, sondern auch Unternehmen melden, die Rat suchen, die wissen wollen, wie gehe ich mit Fällen von Belästigung und sexueller Gewalt um", sagt der Jurist Bernhard Störkmann vom Bundesverband Schauspiel im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Die Regisseurin Barbara Rohm (Pro Quote Film) sagt, ein Kulturwandel brauche Zeit. Es gebe viel guten Willen, etwas zu verändern. Es hat sich schon etwas getan: "Was vor der MeToo-Debatte einfach noch als Zote abgetan wurde, wird heute ernster genommen. Es gibt mehr Widerstände und mehr Mut."

Geschützter Raum mit Anonymität

Bei den Fällen in der Anlaufstelle gebe es alles, von verbaler Belästigung bis zu schweren Straftaten, so Rohm. Zu Themis kommen überwiegend Frauen, aber auch Männer, die sich Rat bei einer Juristin und einer Psychologin holen können - auf Wunsch auch bei einem Mann. Es ist ein "geschützter Raum". Auf Vertraulichkeit und Anonymität wird viel Wert gelegt. Nichts wird demnach ohne Einverständnis der Betroffenen unternommen.

Wie viele sich dort melden, sagt Themis nicht. "Die Frage nach der Anzahl der Anrufe lenkt vom Thema ab - weil hinter den Zahlen der Gedanke steht, dass man überhaupt noch beweisen muss, dass es sexuelle Belästigung und Gewalt gibt. Spätestens seit der MeToo-Debatte wissen wir, dass es ein Thema ist", erklärt Rohm. "Die Frage muss eher sein: Warum wird geschwiegen und wie kann man das Schweigen brechen?" Die Verantwortung für den Kulturwandel soll nicht den Betroffenen aufgebürdet werden. Zudem wäre die Zahl der Betroffenen von heute schon morgen nicht mehr aktuell, so Störkmann.

Die Grenze zwischen Belästigung und Flirt ist einfach

Die Vorwürfe von Kritikern, in Metoo-Zeiten sei kein Flirt erlaubt und das Knistern am Filmset sei nötig für die künstlerische Arbeit, kennen die Themis-Fachleute. So erklärt die Homepage der Anlaufstelle, wo die Grenze von Belästigung zum Flirt liegt: "Flirts entstehen im beiderseitigen Einverständnis. Sie sind am Arbeitsplatz erlaubt. Übergriffiges Verhalten geschieht jedoch ohne das Einverständnis der anderen Person."

Und was das Knistern angeht: "Das Knistern gehört nicht ans Set, denn wir wollen dort professionell arbeiten. Die Grenzüberschreitung ist immer das Problem gewesen. Es geht nicht um eine Beschränkung, sondern um einen professionellen Job", so Störkmann. "Es besteht jetzt eine höhere Sensibilität, achtsam miteinander umzugehen." Und: Nicht nur die Frauen, auch Männer litten unter sexistischem Verhalten von anderen, hat Rohm beobachtet.

Anlaufstelle mit Leuchtturmfunktion

Themis soll sich langfristig etablieren. "Die Kulturbranche geht dabei voran: Die Anlaufstelle hat eine Leuchtturmfunktion, weil es das in anderen Branchen nicht gibt", so Rohm. Im kommenden Jahr soll eine Studie mit einer Umfrage erkunden, wie groß das Ausmaß von Belästigung und sexueller Gewalt in Film, Fernsehen und Theater ist. Dass es die Besetzungscouch - also das Prinzip Rolle gegen Sex - heute nicht mehr gibt, bezweifelt Rohm. "Warum sollte es die nicht mehr geben?"

(be/dpa)