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#10YearChallenge - Türkische Frauen nehmen das Kopftuch ab

5.2.2019 15:56 Uhr

Die sogenannte #10YearChallenge hat in den letzten Wochen für eine Menge Wirbel auf den sozialen Medien gesorgt. Sie beinhaltet einen Bildvergleich: man selbst vor zehn Jahren und heute.

Was für viele User ein Riesenspaß (und für Datensammler eine perfekte Gelegenheit für das Testen von Gesichterkennungssoftware war), hat für viele Türkinnen eine ganz besondere Wende genommen.

Weg mit dem Kopftuch?

Denn einige Türkinnen nutzen die Gelegenheit, um Bilder aus der Vergangenheit zu zeigen: sich selbst mit Kopftuch, daneben ein Bild mit offenen, unverhüllten Haaren. Unter dem Hashtag #YalnizYueruemeyeceksin kamen innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Frauen zusammen, die das Kopftuch wieder abgenommen haben.

Eine gläubige Generation?

In den 17 Jahren, seitdem Präsident Erdogan mit seiner Partei AKP an der Macht ist, hat der Präsident oftmals betont, dass er eine "gläubige Generation" heranwachsen sehen möchte. Die Zahl der religiösen Schulen hat sich in dieser Zeit mehr als verzehnfacht. Doch wie gläubig ist die Jugend wirklich? Ist ein Ende der frommen Förderung abzusehen? Eine Studie des Marktforschungsunternehmens Konda lässt zumindest darauf schließen.

Immer mehr Atheisten

Die Umfrage verglich verschiedene Ansichten der Türken zu Aspekten ihres Lebensstils mit denen aus dem Jahr 2008. Gaben damals noch 55% an, "fromm" zu sein, sind es 2018 noch 51%. Im selben Jahrzehnt stieg die Zahl der Befragten, die sagten, sie seien Atheisten oder „ohne Glauben“ - von 2% auf 5%.

Der Prozentsatz der Menschen, die sich als "religiös" definieren - im Gegensatz zu "fromm" - stieg von 31% auf 34%. Etwa 45% der Umfrageteilnehmer gaben an, sie seien "traditionell konservativ" - gegenüber 37% vor zehn Jahren. Die Zahl der Türken, die sich als "religiös konservativ" bezeichnen, sank von 32% auf 25%.

Während heute rund 67% der Türken angaben, während des Ramadan Fastenregeln zu befolgen, waren es 2008 mehr als 75%. Der Prozentsatz der Türken, die fanden, dass eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemannes zum Erwerb eines Jobs haben muss, sank von 69% auf 55%. Außerdem gaben 40% der Befragten an, dass ihre Braut oder Bräutigam einen anderen Glauben haben könnte, verglichen mit 30% im Jahr 2008.

Weniger gebunden an islamische Regeln?

Kondas Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine wachsende Zahl von Türken, obwohl sie noch konservativ und religiös sind, sich weniger an islamische Regeln gebunden fühlt, sich der Rechte der Frauen bewusst ist und gegenüber unterschiedlichen religiösen Ansichten toleranter geworden ist.

Milde Reaktionen der Regierung

Doch zurück zur #10YearChallenge und den türkischen Frauen, die das Kopftuch abgelegt haben. Selbst die Regierung hat sich zum Ablegen des Kopftuchs erstaunlich milde geäußert. Das Kopftuch gehöre nicht zu den fünf Grundpfeilern des Islams, sagte Ayse Sucu, zuständig für Frauenfragen im Religionsamt. Das bedeutet, dass die Verhüllung der Haare rein technisch gesehen keine "Pflicht" im Islam sei. Allerdings könnte eine derart milde Beurteilung auch mit den nahenden Kommunalwahlen zu tun haben. Vielleicht möchte man es sich im Moment mit niemandem verscherzen, wenn jede Stimme zählen könnte.

(be)