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29 Oktober 2010 -
Deutschland nimmt seine Türken in Schutz

Der Fall Sarrazin schlägt in Deutschland hohe Wellen.

Die Diskussion, die der Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin mit seiner These ausgelöst hat, Deutschland werde durch türkische und andere muslimische Einwanderer zunehmend dümmer, hat über die Landesgrenzen hinweg Aufsehen erregt. Was die Wahrnehmung der Migranten in Deutschland betrifft, könnte diese Debatte zu einem historischen Wendepunkt werden. Sarrazin sammelt mit seinen abstrusen Thesen breite gesellschaftliche Zustimmung, doch Deutschland nimmt, so scheint es, seine Türken in Schutz. Die politischen Parteien von den Konservativen bis zu den Linken stellen sich geschlossen gegen Sarrazin. Intellektuelle, Wissenschaftler und Journalisten äußern in Fernsehtalkshows und Zeitungsartikeln scharfe Kritik. Lediglich eine große Boulevardzeitung, die stets den Puls ihrer Leser erfühlt, pocht auf die Meinungsfreiheit. Interressant ist, dass in der gebildeten Oberschicht, die Sarrazin für am intelligentesten hält, außer Necla Kelek sich fast niemand mit gesundem Menschenverstand an seine Seite stellt.

Bundeskanzlerin Merkel hat in einem Interview in “Hürriyet” ganz klar gesagt, sie könne Sarrazins Äußerungen nicht akzeptieren. Ihre Botschaft lautet: Die muslimischen Migranten gehören zu diesem Land, ihre Ausgrenzung kann nicht zugelassen werden.

Auch die Bundesbank hat Sarrazins Aus beschlossen. Seine Amtsenthebung ist ein kompliziertes Verfahren. Bundespräsident Wulff muss Sarrazins Entlassung bestätigen. Zwar signalisierte Wulff schon im Vorfeld, Sarrazins Abberufung aus dem Vorstand der Bundesbank zu befürworten. Aber er hat nicht nur zu prüfen, ob die Abberufung den Gesetzen entspricht, sondern muss sich auch mit dem Vorwurf auseinandersetzen, die freie Meinungsäußerung werde mit Berufsverbot bestraft. Ein offenkundig schmerzlich verlaufender Prozess.

Trotz allem ist es eine Tatsache, dass sich Sarrazin in der Gesellschaft breiter Zustimmung erfreut. Sein Buch war schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Das schockiert die Migranten am meisten. Dass Ansichten, die eine bestimmte ethnische Gruppe pauschal diskriminieren und sie als nutzlos abqualifizieren, in der breiten Bevölkerung Anklang finden, stört vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in diese Gesellschaft integriert und sich ihr zugehörig fühlen. Viele von ihnen sind enttäuscht und sagen: “Egal, was ich mache, die deutsche Gesellschaft ist nicht bereit, mich zu akzeptieren.”

Die große Resonanz von Sarrazins Thesen hat das Gefühl der Ausgegrenztheit unter den Migranten wiederaufleben lassen und schadet dem Integrationsprozess.

Aber eine konkrete Erfahrung ist besser als tausend gute Ratschläge. In Deutschland widersprechen Politiker, Unternehmer und Intellektuelle Sarrazins Ausgrenzungsthesen. Die politisch Verantwortlichen haben erneut eingesehen, wie wichtig es ist, die Integration zu unterstützen. Sie erkennen, wie wichtig es für die Politik ist, in Bildung und Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund mehr zu investieren, damit Leute wie Sarrazin die Gesellschaft nicht spalten können.

Kommen wir zu uns. Die Zustimmung zu Sarrazin zeigt auch, wie fragil immer noch das Bild ist, das man in Deutschland von uns hat. Es ist höchste Zeit, nicht auf andere zu zeigen, sondern uns selbst Fragen zu stellen. Unsere Aufgabe ist es, Urteile und Vorurteile auszuräumen. Die Türken legen keinen Wert auf die Bildung ihrer Kinder, sie wollen sich nicht integrieren, sondern unter sich bleiben, die Kriminalität unter türkischen Jugendlichen ist zu hoch zu solchen Äußerungen dürfen wir keinen Anlass geben. Wir müssen bereit sein, in dieser Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen, sonst werden Stimmungsmacher wie Sarrazin immer wieder Zustimmung finden. Umfragen ergeben, dass eine Partei rechts der Konservativen heute 20 Prozent der Wählerstimmen erhalten würde.

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